Kapitel 1: Das Enten-Indiz
Ich überlege kurz, ob ich den zurückgebliebenen Behinderten spielen soll. Manchmal mach ich das. Aus Langeweile. Oder um zu bekommen, was ich will. Ich meine: Man muss mit den Karten spielen, die einem ausgeteilt wurden, oder? Und die Behindertenkarte ist mein Joker.
Aber im Moment ist mir gar nicht danach.
Ich höre, wie die Polizistin hinter mir die Tür schließt. Wir sind allein in Erwins winzigem Gruppenleiter-Büro, in der Behinderteneinrichtung, wo ich arbeite. Sie hat Erwin rausgebeten.
Eigentlich ist sie ganz süß. Brauner Pferdeschwanz, blaue Augen, Stupsnase, kaum geschminkt, ein bisschen mollig. Genau mein Typ. Außerdem steh ich auf Uniformen. Aber als sie vor mir in die Hocke geht und die Arme auf den Rollstuhl legt, verfliegt der Zauber.
Sie sieht mich an wie einen Vierjährigen und so spricht sie dann auch mit mir: Aufgesetzt freundlich wie eine Tante aus dem Kinderfernsehen, im Schneckentempo. “Keine Angst, Jonas. Ich bin Elisabeth von der Polizei.” Sie deutet übertrieben auf ihre Uniform. “Ich will dir nur ein paar Frage stellen. Wegen dem Unfall vom Bernhard, weißt du?”
Es zuckt mich innerlich in den Fingern, aber ich lass die Behindertenkarte stecken.
Stattdessen beuge ich mich im Rollstuhl nach vorn, bis sich unsere Gesichter fast berühren. Sie weicht nicht zurück, das freundliche Lächeln wie festgetackert. “Hör mal zu, Elisabeth von der Polizei”, sag ich ebenso übertrieben freundlich und Kinderfernsehen-langsam. “Du kannst mich fragen, was du willst, aber ein Unfall, war das sicher nicht. Der Bernie hatte zwar Downsyndrom, aber war kein Depp. Der wär niemals allein in den See.”
Sie geht langsam aus der Hocke hoch, schlendert zum Schreibtisch rüber und setzt sich auf die Kante. Dann sieht sie mich einen Moment an. Immer noch lächelnd, aber nicht mehr festgetackert, natürlicher, fast amüsiert. Jetzt gefällt sie mir wieder. Und jetzt gönnt sie mir auch ein normales Sprech-Tempo.
“So? Der Bernie würde nie allein ins Wasser gehen? Warum bist du da so sicher?”
“Betriebsausflug nach Füssen letztes Jahr. Zwei aus der Gärtnerei haben seine Cappy in den See geworfen. Er wär fast ersoffen beim Rausholen. Glauben Sie mir, das hätt er nicht nochmal probiert”, sag ich jetzt auch in meiner normalen Stimme.
Sie zieht die Augenbrauen hoch, immer noch lächelnd: “Zwei Kollegen haben seine Cappy in den See geworfen?”
Ich lächle zurück: “Glauben Sie unter den Behinderten gibt’s keine Arschlöcher?”
“Nein”, sagt sie und das Lächeln wird kurz breiter. “Da gibt’s wohl einiges, was man nicht vermutet.”
Danach haben wir fast ein Gespräch auf Augenhöhe. Soweit das möglich ist, wenn der eine auf einem Schreibtisch sitzt und der andere im Rollstuhl. Aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass sie nicht ganz zufällig ein bisschen über mir thront. Um mir dezent klar zu machen, wer hier die Chefin ist. Mir macht’s nichts aus, bin ich gewohnt.
Was mir schon was ausmacht, ist, was sie zum Schluss sagt. “Schau her, Jonas. Ich versteh, dass es scheiße ist, wenn man einen Freund verliert. Glaub’s mir. Da sucht man nach Erklärungen. Aber solche Unfälle passieren. Und im Fall vom Bernhard deutet nix daraufhin, dass es anders war.”
Sie gibt mir zum Abschied Ihre Karte und ich schau ihr noch ein bisschen auf den Arsch, als sie den Raum verlässt. Wirklich genau mein Typ.
Dann mach ich mich auf den Weg zum See. Denn das passt einfach hinten und vorn nicht zusammen. Der Bernie war erstens keiner, der sich allein am See rumtreibt, und zweitens niemand, der einen Fehler zweimal macht. Manchmal etwas langsam, ist halt so bei einem IQ von 50, und ein sturer Bock vor dem Herrn. Aber keiner der ein zweites Mal auf die heiße Herdplatte langt.
Es ist kein schöner Tag. Graue Wolken, als würde es jeden Moment regnen. Und so ist außer mir auch keiner am See. So ist’s mir am liebsten. Zum Glück ist der nur 15 Roll-Minuten von der Behinderteneinrichtung entfernt, wo ich arbeite. Nicht grad barrierefrei, aber halbwegs zugänglich. Ich komm bis an 10 Meter ans Wasser ran, dann wird’s mir zu wackelig. Kein Bock, hier umzukippen und wie ein Käfer auf dem Rücken zu liegen, bis ich mit dem Handy Hilfe geholt habe.
Ich hab mich getäuscht. Ich bin nicht ganz allein. Eine harte Sau von Schwimmer watet gerade ins Wasser. Mir ist ein Rätsel, warum man sich da antut. Aber während ich ihm zuschaue, fällt mir auf, dass es ziemlich lange ziemlich flach reingeht. Bis der Kerl hüfthoch im Wasser ist, muss er gut 10 Meter rein. Keine Chance, dass der Bernie das gemacht hätte.
Und noch was anderes stärkt mein schlechtes Gefühl. Als der Schwimmer 10 Minuten später aus dem Wasser geht - länger hält er’s wohl auch nicht aus - und ans Ufer tritt, da watschelt in atemberaubender Geschwindigkeit eine Ente auf ihn zu, laut quakend, dass es ihn richtig reißt.
Ich muss grinsen, weil’s so komisch aussieht, aber das vergeht mir ziemlich schnell. Dann stellt’s mir die Nackenhaare auf. Der Bernie hatte ein Heidenangst vor Enten. Komisch, aber so war’s. Beim letzten Sommerausflug auf einen Bauernhof in der Gegend, wurde ich Zeuge. So verängstigt hab ich selten jemand gesehen. Und in einer Einrichtung mit Menschen unterschiedlichster Behinderung kriegst du viele Marotten mit. Der Bernie ist nicht erschrocken, wie der Schwimmer gerade. Der hatte eine ausgewachsene Panik-Attacke.
Wo ich meinen Blick schweifen lass, sehe ich, dass der ganze See voller Enten ist. Die lassen sich treiben, dümpeln am Ufer. Nie im Leben wäre der Bernie auch nur in die Nähe vom Wasser gekommen. Irgendwas stimmt hier nicht.
Ich mache schnell ein Foto mit dem Handy und schick’s der “Elisabeth von der Polizei”. Mit den Worten “Niemals wäre Bernie hier reingegangen. Der hatte Panik vor Enten.”
Aber warum zum Teufel sollte jemand Bernie umbringen? Den liebevollen Ordnungsfanatiker mit dem Bierdeckel-Tick. Dabei huscht ein Bild vor meinem inneren Auge vorbei: Wie er in seinem Wohnheimzimmer am Tisch sitzt und seine Sammlung sortiert. Tausend Mal hab ich ihn so gesehen.
Und auf einmal trifft’s mich wie der Schlag. Ich hab ich einen furchtbaren Verdacht - und muss schnell ins Wohnheim.
Als ich dort Sozialarbeiterin Erika unter viel Geschniefe vorheule, wie sehr mir Bernie fehlt, lässt sie mich mit traurigem Lächeln in sein Zimmer. Die gute Seele.
Bernies Zimmer ist wie immer. Pedantisch aufgeräumt. Seine Hörbücher streng alphabetisch geordnet, von “Bibi & Tina” bis “TKKG”. Die Bettdecke mit dem typischen Falz, den er beim Praktikum im Hotel gelernt und nie mehr vergessen hat. Jetzt werden meine Augen doch ein wenig glasig. Verdammte scheiße, der Bernie, dieses liebenswürdige Mannkind mit dem Ordnungsfimmel, weg …
Ich atme tief ein und tu dann, wozu ich gekommen bin. Ich öffne ein Schränkchen, räum die geschätzten 2000 Bierdeckel zur Seite, die der Bernie gesammelt hat und zieh das kleine Kästchen mit dem Nummernschloß raus. 010895, das Geburtsdatum von der Susi, Bernies großer Schwester.
Es springt auf und bestätigt meinen Verdacht: Der USB-Stick ist weg. Wer zum Teufel …?
Zwei Dinge sind mir auf einen Schlag klar: Jetzt muss ich herausfinden, was hier passiert ist. Und daran, dass die Polizei weiter ermittelt, hab ich kein Interesse mehr.
Wie geht’s weiter? Was war auf dem USB-Stick? Wurde Bernie wirklich umgebracht? Findet Jonas raus, wer’s getan hat? Und gerät er dabei selbst ins Lebensgefahr?