Kapitel 1: Die Liste
“Ja, die Josefine bleibt jetzt a bissl bei uns, bis sie sich mit ihrem Mann versöhnt hat”, hör ich meine Mama unten im Hausflur sagen. Vermutlich am Telefon mit Tante Margit. Der Dorf-Funk funktioniert. “Die haben grad a bissl a schwere Zeit.”
“Wir haben keine schwere Zeit”, sag ich, während ich die Treppe runterpolter. “Das Arschloch hat sei Sekretärin g’vögelt und kann froh sein, wenn er seine Kinder jemals … “ Fast wär ich in die Mama reingerannt, die nicht am Telefon ist, sondern in ihrer Kittelschürze an der Haustür steht und mit jemandem spricht, den ich erst jetzt erkenne.
“Oh, hallo Herbert”, sag ich, “ich dacht, die Mama wär am … naja .. egal. Wie geht’s dir?” Bescheuerte Frage. Wie soll’s ihm gehen? Seine Frau ist vor einer Woche gestorben. Tragisch. Ertrunken in unserer Pfütze von Dorfbach. Sturz von einer morschen Brücke, bewusstlos, vorbei.
Er sieht mich mit diesem tapfer-traurigen Blick alter Leute an, die selbst dann nicht jammern, wenn man ihnen aus Diabetesgründen beide Beine amputiert … oder eben die Liebe ihres Lebens in der Pfütze von Dorfbach ersauft. “Geht scho, Josefine, geht scho”, sagt er, dreht seinen Hut in den Händen und schaut mich an, als würd er auf was warten.
“Komm rei, Bertl”, sagt die Mama und wenn die Mama, was sagt, gehorchen die meisten reflexartig, der Bertl auch, da hat sich in den 15 Jahren, wo ich weg war, nichts geändert.
So sitzen wir eine Minute später am Kaffee-Tisch, ein Stück Zwetschgendatschi vor uns, der Bertl mir gegenüber und die Mama werkelt wie üblich in der Küche herum. Mit der rechten Hand dreht er jetzt nervös am Ehering und das ist ihm, glaub ich, gar nicht bewusst.
“Die haben gmeint, sie hören jetzt auf”, brummelt er und schaut mich an, als müsste mir das was sagen. “Die Polizei”, fügt er dann gnädig hinzu, meine fragende Mine richtig deutend. “Die sagen, des war a Unfall und da gibt’s nix mehr zu machen.” Ich setz mein betroffenes Gesicht auf, weil ich nicht weiß, was von mir erwartet wird. “Aber weißt … i mein … klar, die Brücke war morsch … aber des wusst die Geli doch … i mein, als Bürgermeisterin … die wär doch niemals …”, druckst er rum.
Und ich kann nicht anders, als zu sagen: “Du glaubst, des war kein Unfall?” Was ich genau in dem Moment bereue, wo es aus meinem Mund kommt. Der Bertl kämpft mit sich, seine Kiefer mahlen. “Na”, stößt er dann hervor. “I denk von keinem was Böses, aber … des passt einfach nicht zam … und als Bürgermeisterin … da mag ein nicht jeder.” Ich kann mir wieder nicht helfen: “Du hast schon einen Verdacht?”
Er greift mit den knorrigen Fingern in seine Brusttasche und entfaltet einen handgeschriebenen Zettel, den er mir über den Tisch schiebt. Auf der Liste steht ungefähr jeder zweite im Dorf, von Gemeindediener über den größten Landwirt bis zur Dorttratschen - und sogar die Köchin vom Pfarrer.“
“Sauber”, sag ich. “Und die hätten alle einen Grund, die Geli umzubringen?”. Bertl sieht mich mit klarem Blick an. “Des Dorf isch nicht so eine Idylle, wie die Städter glauben, Josefine. Des weisch du am beschten, auch wenn 15 Jahre weg warsch.”
Recht hat er. Deshalb hab ich mir geschworen, nie wieder zu kommen. Und jetzt sitz ich fest. Im Haus der Eltern, mit zwei Kindern. Weil dieser Arsch von Robert seine Hose nicht zulassen kann.
“Hast du die Liste der Polizei zeigt”, frag ich. Er zuckt mit den Schultern. “Die wollen davon nix wissen. Die verstehen des au nicht. Die kennen des Dorf nicht. Aber du”, er schaut mich auf eine Art an, die mir gar nicht gefällt. “Du kensch des Dorf.” “I war 15 Jahre weg”, sag ich und steh auf. Bertl räuspert sich: “I red nicht davon, was in den letzten 15 Jahren passiert ist. Du kensch die Leut. Weisch, wie die sind. Und du weisch, wie man sowas macht … Ermittlungen mein ich …”.
Soll das ein Witz sein? Weil ich ein Buch über einen uralten Kriminalfall geschrieben habe, das ein paar Wochen in der Bestsellerliste war? “Herbert, i bin Journalistin, keine Polizistin. Ich kann nicht …”.
Auf einmal steht er neben mir, legt seine Hände um meine und schaut mich an mit seinen traurigen Hundsäuglein: “Wenn nicht du, dann keine, Seferl.”
Bei dem Namen zuck ich leicht zusammen. “Dann kommen’s davon, die Sauhund.” Ich weiß nicht, ob es die Erinnerung an meinen rebellischen Großvater ist, die mein fast vergessener Kosename “Seferl” heraufbeschwört, oder die Wut auf Robert, den anderen Sauhund, der auch nicht davonkommen soll, aber mir ist fast so, als würde ich mich selbst von außen beobachten, wie ich ihn zurück auf die Eckbank drück, mich ihm gegenübersetz und mit einem Seufzer sag: “Zeig mir nochmal die Liste, Bertl.”
Er seufzt erleichert auf und sieht mich scharf an: “Und des Schlimmste weisch du ja noch gar nicht.”